Montag, 29. Januar 2018

Zwischen Alt und Neu

Seit Freitagnachmittag schwebe ich quasi im luftleeren Raum, zwischen letztem und erstem Arbeitstag, altem und neuem Chef, Niedersachsen und Bremen, Ende der Fahnenstange und Neubeginn.
Ich warte noch darauf, dass sich unter den Cocktail aus Neugier und Aufregung auch noch eine Prise Wehmut mischt, vielleicht der Wunsch verirrt, doch noch einmal den Rückwärtsgang einlegen zu können, oder Bereuen und Angst meine Freude und Euphorie dämpfen. Aber das passiert nicht. In den letzten Wochen an meinem bisherigen Arbeitsplatz habe ich jeden Tag noch einmal die stumme Bestätigung erhalten: "Du hast alles richtig gemacht!"
Als Wiedereinstieg ins Berufsleben nach einer Mamazeit, die länger war als geplant, war dieser Job zunächst perfekt, entpuppte sich aber im Laufe der Jahre mehr und mehr als Sackgasse.
Statt meine Entscheidung anzuzweifeln, tauchen immer mehr verdrängte Unmöglichkeiten und Gemeinheiten wieder aus den hintersten Ecken meines Gehirnes auf, wohin ich sie verschoben hatte, um möglichst viel davon zu verdrängen. Aber das Grundgefühl ist geblieben und ließ sich nicht wirklich leugnen oder schönreden.
Am Ende war mein unmittelbarer Kollege der einzige Grund zu bleiben - leider hat auch das schließlich nicht mehr ausgereicht. Ob ich es noch einmal schaffe, mit jemandem so grandios zusammenarbeiten zu können, weiß ich nicht. Im Moment erscheint mir das unvorstellbar, es hat einfach viel zu gut gepasst und harmoniert. Von denselben Fressattacken ferngesteuert, den gleichen unmöglichen Humor geteilt, einander ohne Worte zugearbeitet, im richtigen Moment geschwiegen, gesprochen, aufgeheitert, zurechtgewiesen oder gebeichtet - und auch nach Jahren noch nicht auf die Nerven gegangen (ich hoffe doch, ihm ging es genauso!).

An meinem letzten Arbeitstag sollte ich nun doch noch meine Nachfolgerin ein wenig einweisen, was in vier Stunden ein mehr als nur utopisches Vorhaben wäre. So habe ich es auf das Allernötigste begrenzt, sie hatte es dann auch eilig, nach Hause zu kommen, strahlte aber eine Souveränität und Sicherheit aus, die ich - Kompetenzen hin oder her - für unangebracht gehalten habe. Da aber auch mein Exchef die Meinung vertrat, eine Einarbeitung sei nicht notwendig, werden die beiden schon wissen, was sie sich da vorgenommen haben.

Mein Zeugnis durfte ich mir selber schreiben, und es wurde dann auch anstandslos so unterzeichnet. Nicht dass ich es momentan bräuchte, aber schaden kann es ja nie, ein paar schriftlich auf mich angestimmte Lobeshymnen in der Tasche zu haben.

Während ich dabei bin, mich gedanklich möglichst von meinem bisherigen Berufsumfeld zu lösen, versuche ich, mir noch nicht allzu viele Gedanken um das zu machen, was mich in wenigen Tagen erwartet. Erfahrungen sind was Tolles, man weiß in groben Zügen, wie so ein Neubeginn abläuft, wie es sich anfühlt, irgendwo noch fremd zu sein usw. Aber genau das erzeugt eben auch Bedenken. Nicht dass ich schon kurz vor der Rente stünde, aber so ganz taufrisch ist mein Hirn eben auch nicht mehr, und ich habe einige Bedenken, ob ich mir da nicht zu viel zumute, nochmal von vorne anzufangen. Andererseits behagt mir die Alternative noch viel weniger. Die Vorstellung, irgendeine anspruchslose Arbeit zu verrichten, stupide, frustrierend und monoton, und das immerhin noch 20 Jahre lang, schreckt mich einfach zu sehr ab.

Also kratze ich all meine Zuversicht zusammen und beginne etwas Neues. Was kann schon passieren? Oder um es wie die Stadtmusikanten zu sagen: Etwas Besseres als den Tod findest du überall!

Samstag, 16. Dezember 2017

und wenn ich geh, dann geht nur ein Teil von mir

Nun ist es also passiert. Ich habe es wirklich getan. Es ist amtlich. Gestern habe ich meinen Job gekündigt. Nachdem ich vorgestern meinen neuen Vertrag unterschrieben hatte.
Wie zu erwarten war, hat mein Noch-Chef sich als relativ lausiger Verlierer präsentiert. Natürlich habe ich damit gerechnet, dass es Vorhaltungen regnen würde. Selbstverständlich war mir klar, dass er mit meiner Entscheidung nicht gerechnet hat. Logischerweise war er überrumpelt und enttäuscht.
Aber wie schnell er dann umschalten konnte in den Schuldzuweisungsmodus, wie umgehend er versucht hat, mir ein schlechtes Gewissen einzureden - das hat mich dann trotz allem doch erstaunt.
Zunächst hat er es ja noch vorsichtig auf die "Was kann ich tun?"-Tour versucht. Aber ich habe ihm unmissverständlich klar gemacht, dass meine Entscheidung feststeht und ich sehr lange und sehr gründlich darüber nachgedacht habe, bevor ich sie ihm präsentierte.
Nun muss ich mir wohl die Vorhaltungen gefallen lassen, ich hätte erst bewusst sämtliche Kompetenzen und Aufgabenbereiche an mich gerissen, damit mein Abgang durch diese Alleinherrschaft so pompös wie möglich einschlägt. Was natürlich wiederum im krassen Gegensatz zu seiner zweiten Aussage steht, mein Lohn sei mehr als gerechtfertigt, wenn man bedenkt dass man mich ja erst (Achtung!) habe EINARBEITEN müssen. Es mag ja sein, dass es irgendwo auf diesem Planeten auch diese seltenen Naturtalente gibt, die sich an fremde Schreibtische setzen und sofort intuitiv drauflos arbeiten können - nun ja, ich gehöre nicht dazu. Aber nach acht Jahren war ich dann doch einigermaßen mit der Materie vertraut. Was er eigentlich ruhig zugeben dürfte, denn sonst wäre meine Kündigung für ihn ja schließlich wesentlich besser zu verkraften.
Ich bin froh, dass ich vorab nie den Versuch gewagt habe, einen Testballon zu starten, und vor dem Hintergrund einer Kündigungsoption meinerseits um verbesserte Bedingungen zu bitten. Wie ich jetzt ein weiteres Mal merke, hätte das zu nichts geführt, ihn höchstens in seiner Überzeugung bestärkt, dass ich niemals gehen werde.
Dass ich ihm so wichtig war bzw. bin, hat er mir selten bis gar nicht gezeigt, gesagt, signalisiert oder es mich auch nur zaghaft spüren lassen. Dabei hätte bei mir bereits das eine oder andere ehrliche Lob Wunder gewirkt. Aber im Gegenteil, es wurden immer nur zielsicher irgendwelche Fehler aufgespürt und thematisiert.
Während meiner jetzigen Krankheitsvertretung wurde sich an Kleinigkeiten geweidet, es starteten sogar Versuche, gewisse Abläufe zu vereinfachen, was sich bereits kurz nach meiner Rückkehr als absolutes Desaster herausstellte, jetzt einen Riesenaufwand an Mehrarbeit bedeutet und ein großes unübersichtliches Durcheinander verursacht hat. Möglicherweise hätte man das ja auch mit mir gemeinsam besprechen können, denn bestimmt bin ich Verbesserungsvorschlägen gegenüber nicht von vorn herein abgeneigt, aber das ging mal so richtig in die Hose, und wenn ich ehrlich bin, schaue ich es mir nun mit Genugtuung an.
https://karrierebibel.de/kuendigung/

Sonntag, 26. November 2017

Tweety außer Gefecht

Ab morgen werde ich die dritte Woche in Folge zu hause sein, um - was zu tun? Ziemlich genau gar nichts, denn mein Hausarzt hat mich bis auf weiteres aus dem Verkehr gezogen. Und das kam so:

An meine letzte richtige Fieberattacke konnte ich mich kaum noch erinnern, nun versetzte ein Fröstelanfall meine Arme und Beine in schüttelnde Bewegungen und meine Zähne schlugen blitzschnell aufeinander. Wenige Augenblicke später saß ich schweißgebadet auf dem Sofa und konnte kaum noch einen klaren Gedanken fassen. Meine reguläre Betriebstemperatur beträgt nur etwas über 35 Grad, daher waren die jetzigen 39 Grad schon extrem gewöhnungsbedürftig und glichen eher einem Delirium als einem realen Erlebnis.
Nach zwei Nächten war der Spuk vorbei und ich stellte mich bereits auf eine baldige vollständige Genesung ein, als ich in der dritten Nacht unsanft aus dem Schlaf gerissen wurde, weil mich ein stechender Schmerz durchfuhr. Jemand hatte sich in mein Schlafzimmer geschlichen und zwei dicke Stricknadeln durch meine Schultern gerammt, nur das konnte dieses Gefühl erklären, das in die Arme ausstrahlte und jede Bewegung unmöglich machte.
Am folgenden Nachmittag, nach inzwischen über 12 Stunden anhaltenden Schmerzen, lag ich heulend und der Verzweiflung nahe auf dem Sofa und wollte eigentlich nur noch wissen, wann dieser Spuk wieder vorbei sein würde. Mittlerweile waren auch meine Beine betroffen, die Füße schliefen mir beim Gehen einfach ein und ein ruhiges Verharren in einer Position war vollkommen undenkbar. Unter Huldigung meines hypochondrischen Talentes war ich mittlerweile der festen Überzeugung, an irgend einer ebenso schlimmen wie gleichermaßen unheilbaren Krankheit zu leiden. In dieser Verfassung fand mich mein Göttergatte vor, als er relativ nichtsahnend von der Arbeit nach Hause kam. Seine Jacke behielt er dann auch gleich an und verfrachtete mich mit den Worten "Jetzt ist Schluss, wir fahren ins Krankenhaus!" ins Auto.
Die sechs Stunden in der Notaufnahme vertrieben wir uns damit, auf dem Bildschirm des eingeschalteten PC's die Patientenzugänge zu verfolgen, uns über ihre Beschwerden zu informieren und abzuzählen, wie viele Leute der für mich zuständige Arzt noch vor mir zu versorgen haben würde. Mein Namenskästchen war mit einem grünen Randstrich gekennzeichnet - ich ahnte dass das soviel hieß wie "die kann warten, hat nix lebensbedrohliches". Einen Schlaganfall hatten sie noch rasch ausgeschlossen, danach überließen sie mich vorerst wieder mir selbst.
Nach einigen Stunden erschien ein(e) Patient(in) mit dem Vermerk "Reanimation" in der Auflistung. Plötzlich ist Warten gar nicht mehr so dramatisch. Der irgendwann dann doch noch erscheinende Arzt konstatierte "Sie mussten sträflich lange warten, das ist durch nichts zu entschuldigen!"
Anschließend begann er sich selbst dafür zu loben, die aufgrund meiner Beschwerden eher abwegige Idee gehabt zu haben, eine Reihe weniger gängiger Blutwerte untersuchen zu lassen, und damit den richtigen Riecher bewiesen zu haben. Die Ursache ließ sich dadurch noch lange nicht eingrenzen, also wurde ich auf eine Station geschickt, wo mir ein Bett zugeteilt wurde. Nach einigem Hin und Her und dem Eintrudeln der letzten Zimmergenossin gegen 2 Uhr nachts versuchte ich trotz allem, ein wenig Schlaf zu bekommen. Das gelang mir gefühlt ca. 10 Minuten vor dem Wecken durch die Schwester am nächsten Morgen. Zur ebenso krankenhausüblichen wie unmenschlichen Zeit polterte sie gutgelaunt ins Zimmer, steckte jedem von uns kurz ein Thermometer ins Ohr und verließ den Raum ebenso schnell wieder wie sie ihn betreten hatte. Allerdings nicht, ohne sich in der Tür noch einmal umzudrehen und uns mit zufriedener Stimme zu informieren: "Sie bekommen heute alle drei kein Frühstück!"
Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte man meine Temperatur auch gerne am schlafenden Körper nehmen können, aber vielleicht würde diese Methode das Ergebnis ja in unangemessener Weise verfälschen.
Nun lagen wir also da, wurden allmählich wach und versuchten, uns irgendwie in eine aufrechte Position zu begeben. Die zahlreichen Knöpfe an den Betten hatten die Fähigkeit, unsere Matratzen in abenteuerliche Formen zu verbiegen. Ich lag nach nur kurzem mehrmaligen Drücken auf einer gewellten Berg- und Tal-Matratze, eingequetscht wie zwischen zwei Kamelhöckern. Meine Nachbarin zur Linken hatte ihr Kopfteil erstaunlich gut in der Gewalt, die zur Rechten fiel bei der Suche nach den Schaltern aus dem Bett.
Nach etlichen weiteren ungefragten Besuchern wie Reinigungspersonal, ehrenamtlichen Helferinnen, Anmeldeverwaltung und der Schwester mit dem Essensbogen (das ist ja irgendwie immer das erste, dass man für mindestens zwei Wochen seine Nahrungswünsche ankreuzt, obwohl noch gar nicht feststeht, ob man überhaupt noch die nächste Nacht dort verbringt... zudem schmeckt eh alles gleich, man kann also getrost seine Kreuze auch ohne Brille setzen) - nachdem dieser Parcours also absolviert war, erschien erneut eine Schwester, ging zielstrebig auf mein Bett zu und befand: "Sie werden heute noch verlegt!" Ich erdreistete mich, nach dem Grund zu fragen, und erfuhr, dass ich mich auf der Unfallstation befand, wo ich natürlich nichts zu suchen hatte und nur in Ermangelung anderer freier Betten gelandet war. Schwupps kam jemand, riss meine Sachen aus dem Schrank, warf sie aufs Bett und schob dann alles, inclusive meiner staunenden, immer noch zwischen den Kamelhöckern sitzenden Wenigkeit aus dem Raum. Durch den Gang. In den Fahrstuhl (drei Leute bitte flach an die Wand drücken... ähm seltsam, ich stellte mir dieselbe Szene in einem Aufzug bei Karstadt vor...). Aus dem Fahrstuhl. Durch den nächsten Gang. Zwischenparken. Direkt vor dem Schwesternzimmer.
Unfreiwillig wurde ich Zeuge einer hitzigen Diskussion, in der es darum ging, dass eine der Schwestern ihrer Patientin ohne Rücksprache die verschriebene Arznei verabreicht hatte, wodurch diese nun die doppelte Menge intus hatte. Das machte mir Mut. Hier herrschte immerhin kein Medikamentenmangel.
Ich wurde in ein Zimmer geschoben, das bis auf eine so gut wie entlassene Dame vollkommen leer war. Nach einiger Zeit wurde aber eine weitere Frau hereingeschoben, die sich ziemlich lautstark versuchte, mit den Schwestern zu verständigen, was aber an ihrem angeschlagenen Hörvermögen scheiterte.
"Sie sollen erst mal nüchtern bleiben, wir wissen noch nicht wann Sie untersucht werden!!"
"Aber ichch habbe Huuunger, ichch habbe seit zwai Tagen niechts gegässen!"
Sie redete mit einer Art schlesischem Akzent, und erinnerte optisch irgendwie entfernt an Frau Ella.
Da sich ihre baldige Nahrungsaufnahme als ein aussichtsloser Wunsch herauskristallisierte, beschloss die Dame, dass sie ebensogut ein Nickerchen machen könnte. Drehte sich auf die Seite, schlief ein und schnarchte wie ein Holzfäller in der kanadischen Wildnis. Wunderbar.
Aber es kam natürlich noch besser. Diesen Zimmerwechsel sollte ich noch bereuen, aber immerhin war ich letzten Endes froh, dass ich an diesem Tag vollkommen grundlos auf Nahrung hatte verzichten müssen...
...to be continued...

Dienstag, 21. November 2017

E wie Stigma

Sag mir welche Krankheit du hast und ich sage dir, wer du bist. Oder was ich über dich denke.
Es gibt Begriffe, mit denen unsere Synapsen in Sekundenschnelle ein Klischee verbinden, Dinge die untrennbar mit bestimmten Vorurteilen verbunden sind - offenbar vollkommen ungeachtet dessen, welche Menschen es betrifft.
In der letzten Woche musste ich ins Krankenhaus, und ich habe den Fehler begangen, vermeintlich gute Freundinnen über den aktuellen Stand der Untersuchungsergebnisse zu unterrichten. Da ich mit unklarem Befund abwarten musste, was Ärzte und Labormitarbeiter (nicht) herausfinden würden, bot sich genug Raum und Angriffsfläche für voreilige Schlussfolgerungen und Hobbydiagnosen.
Das sich dabei abzeichnende Bild über mich war alles andere als schmeichelhaft, dabei hätte ich nie geglaubt, dass meine Freundinnen so von mir denken. Zudem musste ich feststellen, dass sie an einer Richtigstellung (aufgrund der schließlich vorliegenden exakten Diagnose) keineswegs so interessiert waren wie an den eigenen Mutmaßungen, denen die Verdachtsmomente so herrlich viel Raum ließen.
Schade, nun steht fest, dass ich gar nicht so schlimm, leichtsinnig, psychisch gestört und verblödet bin, wie sie offensichtlich dachten. Vermutlich habe ich nur etwas Falsches gegessen, aber das ist natürlich viel zu langweilig, und passt jetzt auch gar nichts in das Bild, das sie sich insgeheim von mir gemacht haben.
Es kann sehr verletzend sein, in eine Schublade gesteckt zu werden, die weder besonders schmeichelhaft noch in irgend einer Form berechtigt ist. Und dabei zu erkennen, was vermeintliche Freunde von mir denken, oder zumindest, wie schnell ihre bisher noch positive Meinung über mich ins Wanken gerät. So als hätten sie nur auf einen Beweis dafür gewartet, dass ich ein schlechter Mensch bin, der etwas ebenso schlechtes verdient hat.
Vielleicht sollte ich in Zukunft genauer hinsehen, wen ich an meinem Leben teilhaben lasse. Und wer besser draußen vor der Tür wartet. Da wo es sich so herrlich mutmaßen lässt...

Dienstag, 7. November 2017

Der Praxistest

Tiger in Not - so prangt es auf dem Flyer, den mein Sohn auf dem Couchtisch hinterlassen hat. Dunkel erinnere ich mich an seine Worte "...kannst du dir ja mal ansehen... lege es dir da hin...". Ich war gerade damit beschäftigt, ein Schulbuch für meine Tochter zu bestellen, und hatte deshalb nur mit einem Ohr hingehört.
Ich führe mir also den Inhalt dieses Werbeflyers zu Gemüte und erfahre ungefragt einiges über Gewicht, Alter und Größe dieser Tiere. Im aufgeklappten Mittelteil finden sich dann Bilder von Kaminvorlegern und anderen Jagdtrophäen im Tiger-Style, darüber prangt die Frage "Warum muss sowas sein?" Das frage ich mich allmählich auch... allerdings schwant mir bereits, worauf das hinauslaufen soll.
Die Liste der Sponsoren ist noch einigermaßen unauffällig, allerdings lässt mich das Musikprogramm dann doch stutzig werden. Von Ed Sheeran über Helene Fischer bis zu den Imagine Dragons reicht die illustre Mischung der offenbaren Tigertötergegner, die kostenlos und eine volle Woche lang das Benefizkonzert unterstützen, das im September stattfinden soll.
Im September? Moment, den hatten wir doch in diesem Jahr schon...
Ich möchte meinen Sohn zu Rate ziehen und rufe ein "Was soll ich damit? Das war doch schon!" in Richtung seines vermuteten Aufenthaltsortes. Prompt kommt er herbeigeeilt, guckt mich einmal verständnislos an und sagt dann grinsend: "Mensch Mama, das ist doch das Ergebnis unserer Informatik-Aufgabe, wir sollten einen Flyer zu einem selbst erdachten Thema entwerfen. Anscheinend sieht er ja ziemlich echt aus..."
Ja, offensichtlich hat er den Praxistest bestanden :o)

Montag, 23. Oktober 2017

Mann o Mann

Zwei homosexuelle Männer adoptieren ein Kind, und ein Aufschrei geht durch die Nation. Sämtliche bis vor kurzem ausgestorben geglaubten Vorurteile werden aus den alten Schubladen gezogen und zu neuem Leben erweckt, jedes noch so abgehalfterte Klischee muss als Totschlagargument herhalten. Sodom und Gomorrha im Lande Konservativatien hinter den sieben Bergen bei den sieben altmodischen Völkern, die wohl heimlich noch der Hexenverbrennung frönen.
Das einzig Schlimme, das ich an dieser ganzen Sache finden kann ist, dass es überhaupt einer Erwähnung wert ist, und dass dort ein ganz normales Kind in den Fokus der Öffentlichkeit gerät, einer Öffentlichkeit, die gar nicht auf den Umgang mit einer derart intimen Information sensibilisiert ist, die sich auf das B i l d material stürzt, sich wahrscheinlich allen Ernstes fragt, wie diese Menschen wohl aussehen, ob sie wohl mit abgespreiztem kleinen Finger gestikulieren, mit nasaler Stimme sprechen und Frauenkleider tragen.
Ein Kind, dass das große Glück hat, nach einem vielleicht nicht so schönen Start ins Leben nun in ein liebevolles Umfeld zu kommen, zu Menschen, die für dieses Kind sorgen möchten, die ihm ermöglichen, sicher und sorglos aufzuwachsen, die es behüten und schützen werden, ihm Geborgenheit und Liebe geben werden. Zwei Menschen, die einander lieben und noch viel Platz für einen weiteren kleinen Menschen haben. Ein Paar, das sich dieser Aufgabe stellen möchte, weil es sich eine ganz normale Familie wünscht.
Wer möchte beurteilen, ob diese beiden Menschen dafür geeignet sind? Weniger gut als ein Mann und eine Frau? Weniger liebend, weniger zuverlässig, weniger vorbildlich?
Ein kleiner Mensch braucht Sicherheit, Geborgenheit, Liebe, Menschen denen er vertrauen kann. Nicht zwingend einen biologischen Mann und eine biologische Frau. Welchen seelischen Schaden soll ein Kind nehmen, wenn es zwei Väter hat? Zwei Väter die ihm zeigen, wie man liebevoll und achtsam miteinander umgeht? Die ihm signalisieren, wir sind immer für dich da? Die einander wertschätzend behandeln, ihm ein sicherer Hafen sind und ein lebenslanger Halt? Ist das nicht sehr viel mehr, als es viele "klassische" Paare fähig sind zu geben?
Ich wünsche dem kleinen Mann und seinen beiden Vätern ein schönes, tolles, zufriedenes Leben, und ein Umfeld, das es endlich schafft, das zu tolerieren, und als das zu sehen was es ist - einen Teil von unserer Gesellschaft.

 ‚Immer wieder die gleiche Lektion, der gleiche Auftrag an eine bunte Welt, ihre Farben zu lieben und gleichermaßen zu respektieren. Miteinander sind wir der Regenbogen! Und nur gemeinsam wird’s gut sein.‘ – BaLo* 23.07.2011
(https://balodiba.wordpress.com/category/uncategorized/page/14/)

 http://www.schlossberg.schule/termin/schulfest-schlossbergschule/

Sonntag, 24. September 2017

was daraus wurde

Wenn man mich als Kind gefragt hat, was ich einmal werden möchte, kamen Antworten wie Kindergärtner oder Raumfahrer - damals sogar noch vollkommen ungegendert, aber dafür hatte ich eine klare Vorstellung davon, wo ich als Erwachsener einmal stehen würde. Mir war klar, dass ich eine Familie gründen und eine zwischen zwei und sieben schwankende Anzahl an Kindern bekommen würde. Ich sah mich ziemlich unkonkret in einer Art Kopie des Lebens, das meine Eltern führten, und in dem sie ja so glücklich und zufrieden schienen. Einen kritischen Blick hatte ich mir damals noch nicht angeeignet, zum Hinterfragen von Gegebenheiten gab es aus meiner Sicht nie einen Anlass.

Als das Ende meiner Schulzeit nahte und mir beinah sämtliche Türen offen standen, wusste ich bereits überhaupt nicht mehr, was ich mit all den Chancen und Möglichkeiten anfangen oder welche ich mir herauspicken sollte. Ich konnte alles ein bisschen aber nichts besonders gut, hatte keinerlei Talente oder brannte für eine bestimmte Sache, ein spezielles Thema, einen Beruf oder ein Fachgebiet. Allerdings hatte ich von den allermeisten Dingen auch nur eine sehr begrenzte Vorstellung, und Fremdes, Neues, Unbekanntes schüchterte mich generell ein und machte mir Angst.
Weder sah ich mich irgendwo im Berufsleben noch war es mir möglich, mir auszumalen, dass ich mich wie all die anderen erwachsenen Menschen verhielt, zu denen ich nun zweifelsfrei auch gehörte, und in deren Welt sich meine bisherigen Mitschüler ebenso selbstverständlich wie mühelos zu integrieren schienen.

Aus der Not heraus wählte ich auf den letzten Drücker einen Studiengang, der mich immerhin in relativ hohem Maße interessierte, und verdrängte dabei die Vorstellung, irgendwann einmal meine Brötchen samt Aufschnitt damit verdienen zu müssen.

Heute lebe ich tatsächlich so ähnlich, wie es mir damals als Kind bereits vorschwebte. Zwar bin ich keine Erzieherin geworden, und die Menschheit hat auch davon Abstand genommen, mich ins All zu schießen, aber die familiäre Komponente ist - auf Umwegen - schließlich so entstanden, wie sie damals bereits in meinem Kopf herumspukte.

Seit 16 Jahren verfolge ich den Weg, den meine Kinder nehmen, mal staunend, mal skeptisch, meistens zuversichtlich und immer auf irgend etwas stolz - wie man das eben so macht als Mama.

Was mein eigenes Leben angeht, bin ich um einiges ratloser. Plötzlich weiß ich gar nicht mehr so genau, wo ich mich wohl fühle, wie mein Weg weitergehen soll, was ich jetzt erwarte, welche Pläne, Wünsche, Träume.... na ihr wisst schon. Der Klassiker vermutlich, der War-das-jetzt-schon-alles-Gedanke, das vergebliche Warten auf das Highlight bzw. die Angst, es bereits verpasst zu haben, während man Windeln gewechselt, Essen gekocht oder den Rasen gemäht hat.
Habe ich jetzt gut die Hälfte des Lebens hinter mir? Oder schon zwei Drittel? Bleibe ich gesund? Oder benötige ich demnächst eine Pflegekraft?


Zwischen standing ovations und Reklamation
Gähnender Leere und Faszination
Zwischen schreienden Bildern und Bild ohne Ton
Blindem Gehorsam und Revolution
Zwischen alles wird anders und Monotonie
Nichts überstürzen und jetzt oder nie
Dem was wir nehmen und geben - ist alles wie es sein soll 
und wir sind am Leben

Wenn zwei Menschen vollkommen unterschiedliche Lebensentwürfe in sich tragen, muss man wohl einfach einsehen, dass alle anderen Gemeinsamkeiten oder die Gefühle füreinander nicht ausreichen.


Zwischen endloser Freiheit und gar keine Wahl
Ganz oder gar nicht und alles egal
Zwischen eigener Fahrer und schwarz mit der Bahn
Chance verwandelt und Chance vertan
Zwischen falsch abgebogen und fest in der Spur
Dem Blick in die Zukunft und dem auf die Uhr
Dem Sturz in die Tiefe und Schweben
Ist alles wie es sein soll und wir sind am Leben


Ich möchte eigentlich keine Höhenflüge mehr, schätze die ruhige Beständigkeit, mag die Sicherheit und genieße das Zurücklehnen mit dem guten Gefühl, mich nicht permanent anstrengen, verbiegen oder Höchstleistungen vollbringen zu müssen.


Wir müssen glauben, dass die Richtung stimmt und dieser Weg ein gutes Ende nimmt 
dass uns vielleicht nicht immer alles gleich, aber am Schluss der große Wurf gelingt. 
Wir müssen glauben, dass die Richtung stimmt und dass wir mehr als nur ein Zufall sind, 
dass dieser Weg in Richtung nirgendwo uns zurück an unsern Anfang bringt.


Aber dieser Glaube, diese Zuversicht, verlässt mich hin und wieder und macht dem Zweifel Platz. Habe ich mich richtig entschieden oder werde ich das irgendwann bereuen? Verpasse ich mein Leben oder ist es vernünftiger so weiterzumachen?
Warum zweifle ich? Wonach sehne ich mich so sehr? Wieso fühlt sich das alles oft so falsch an?


Zwischen quälender Sehnsucht und nie was vermisst
Dem was du sein willst
und dem was du bist
(Alexa Feser, Leben)